Porträts aus dem Stadtteilarchiv Hamm

Die Porträts

Das Stadtteilarchiv Hamm beherbergt heute über 30.000 Fotografien. Darunter befindet sich eine Vielzahl von Porträtaufnahmen, die einen Eindruck vom vergangenen Leben im Stadtteil geben. Hinter einigen verbergen sich spannende Geschichten.

Hammer Landstraße 1925

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Auch in den Hammer Arbeitsstätten wurden Fotografien angefertigt, die Arbeiter*innen bei ihren Tätigkeiten zeigten. Neben vier Krankenpflegerinnen in Arbeitskleidung und mindestens acht Säuglingen, lehnt Martin Tebrich am Tisch. Der 1880 geborene Facharzt für Chirurgie und Dermatologie arbeitete im Krankenhaus St. Georg und wohnte zeitweise in der Hammer Landstraße. Wegen der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde sollten Martin Tebrich und seine Frau Ruth mehrmals deportiert werden. Die geplanten Deportationen wurden aber aufgrund der Transportunfähigkeit des erkrankten Martin Tebrichs zweimal zurückgestellt. Es gab keine Ausreiseversuche, dennoch bemühte sich das wohlhabende Paar darum, eine Deportation mit Heimaufenthalten zu vermeiden. Im Frühjahr 1943 wurden beide dennoch zunächst nach Theresienstadt und im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurden.

Das Stadtteilarchiv Hamm

Als das Archiv im Oktober 1987 gegründet wurde, gab es kein einziges Foto. Stetige Aufrufe in Zeitungen und die Herausgabe einer ersten Broschüre ließen das Fotoarchiv langsam wachsen. Einige Heimatforscher*innen konnten für die Mitarbeit gewonnen werden und halfen bei der Lokalisierung der Fotos.

Die zeitliche Datierung der Fotografien beginnt im späten 19. Jahrhundert und erstreckt sich bis in die Gegenwart. Der Großteil der Fotografien stammt aus den 1920er- und 30er-Jahren. Eine Zäsur durch die Zerstörung des Stadtteils im Juli 1943 durch Bombenangriffe der alliierten Kriegsmächte und die ersten Nachkriegsjahre spiegelt sich ganz deutlich in Sammlungsleerstellen wider.

Anfang der 90er-Jahre dokumentierte das Stadtteilarchiv den kompletten Stadtteil, da einige Gewerbe- in Wohnflächen umgewandelt wurden. Im Laufe der Jahrzehnte wandten sich unzählige ehemalige Bewohner*innen des Viertels mit einzelnen privaten Fotografien an das Archiv. Selten konnten ganze Familienalben gerettet werden – kein Wunder bei einer fast vollständigen Zerstörung im 2. Weltkrieg.

Das Stadtteilarchiv am Moorende, 1989

Die Fotografien, die häufig noch von den Eltern der Leihgeber*innen und Schenker*innen stammten, wurden im Archiv reproduziert und in die nach Straßennamen angelegte Sammlung eingeordnet. Nicht immer war nur der Erhalt der Fotografien für künftige Generationen die Motivation für einen Besuch im Archiv. Auch das persönliche Interesse an den Orten der Kindheit sowie den Verwandten und alten Klassenkamerad*innen, zu denen der Kontakt verloren ging, spielte eine große Rolle. In einigen Fällen konnten über das Archiv Kontakte wiederhergestellt werden.

Marianne Rendsburg

Gleich mehrere Porträtaufnahmen sind von der damals 19- bis 20-jährigen Marianne Rendsburg, geb. Rosenbaum, im Stadtteilarchiv vorhanden. Die Reihe fällt nicht allein wegen ihrem vergleichsweise umfangreichen Konvolut auf, zu dem auch noch Aufnahmen weiterer Familienmitglieder gehören. Noch ungewöhnlicher ist die Inszenierung der jungen Frau in abwechslungsreicher Kleidung mit verschiedenen Accessoires. Marianne zeigt aber auch privatere Handlungen wie das Schminken und Kämmen, die in der Regel vor dem Fotografieren ablaufen.

In den Porträts spiegelt sich eine selbstbewusste junge Frau wider, die sich experimentell mit ihrer äußeren Erscheinung und ihrem Ausdruck auseinandersetzt. Während der Großteil der Fotografien um 1940 zumeist noch besondere Anlässe festhalten sollten und deutlich neutralere Positionen der fotografierten Personen zeigen, die sich bewusst der Kamera zuwandten, wirken die spielerischen Porträts von Marianne Rendsburg bereits künstlerisch.

„Über die Marianne war ich platt. Sie ist angesprochen worden auf den Judenstern, und da sagt sie, während ich draufzukam, ob er sich nun satt gesehen hätte. Die war nicht bange!“ (Erinnerungen eines Freundes der Familie Rendsburg/Rosenbaum über Marianne von 2001)

Das kurze Leben von Marianne Rendsburg ist dank eines umfangreichen Zeitzeugenberichts ihres Mannes aus den 1990er-Jahren dokumentiert.

 

Manfred Rendsburg und die Familie Rosenbaum – über das Leben einer verfolgten Familie aus Hamm
Stephanie Kanne, Mitarbeiterin im Stadtteilarchiv und Kulturladen, gibt einen kurzen Einblick in die Lebensgeschichte der in Hamm ansässigen Familie. Das Video entstand im Rahmen der Woche des Gedenkens 2021 im Bezirk Hamburg-Mitte.

Woche des Gedenkens Hamburg-Mitte
Impressum
Die Ausstellung “Porträts aus dem Stadtteilarchiv Hamm” wurde veröffentlicht durch:
Stadtteilinitiative Hamm e.V.
Kulturladen und Stadtteilarchiv
Sievekingdamm 3
20535 Hamburg
Telefon: 040 1815 1492, E-Mail: kulturladen@hh-hamm.de
Inhaltlich Verantwortliche gemäß § 55 Abs. 2 RStV
Kerstin Rasmußen (Anschrift wie oben)
Kurator*innen (Inhalt, Konzeption und Design):
Stephanie Kanne, Gunnar Wulf (Anschrift wie oben)
Fotorechte
© Stadtteilinitiative Hamm e.V.
Bibliografie